Modernisierungsbedürftige Regeln: Handspiel

von Markus am 8. November 2008 

in Regelwerk

Es gibt Regeln im Fußball, welche ungenau, schwammig und Auslegungssache sind. Zu diesen gehört auch die Regelung des absichtlichen Handspiels beziehungsweise des Handspiels im Allgemeinen. Aus aktuellem Anlass möchte ich heute ein paar Worte zu diesem überholungsbedürftigen Mysterium der Fußballgeschichte verfassen. Gerade gestern, im Freitagabendspiel der Bundesliga, gab es einen Fall, der nur mit einer neuen Handspielregel vernünftig aufzulösen gewesen wäre. Ich schildere kurz den Vorfall: Jan Schlaudraff ist mit dem Ball im Strafraum der Kölner unterwegs, will den Ball am gestolperten heranrollenden Womé vorbeilegen, dieser jedoch hält den Ball klar mit dem Arm auf, Schlaudraffs Dribbling ist beendet. Damit wurde ihm offensichtlich die Chance genommen, ein Tor zu erzielen. Aber dazu kommen wir später noch mal.

Regelkunde

Kommen wir erstmal zur Ist-Situation. Das aktuelle Regelwerk steht übrigens für jeden auf der Seite des DFB frei zum Download bereit. Im selbigen heißt es auf Seite 80

Dem gegnerischen Team wird ebenfalls ein direkter Freistoß zugesprochen, wenn ein Spieler [...] den Ball absichtlich mit der Hand spielt (gilt nicht für den Torwart im eigenen Strafraum).


Üblichweise gibt es zu solchen Verordnungen weitere Auslegungen der FIFA, um das ganze etwas zu konkretisieren. Ab Seite 84 sind die Auslegungen zum Handspiel erklärt. Darin heißt es

Ein Handspiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball mit seiner Hand oder seinem Arm absichtlich berührt. Der Schiedsrichter achtet bei der Beurteilung der Situation auf

  • die Bewegung der Hand zum Ball (nicht des Balls zur Hand),
  • die Entfernung zwischen Gegner und Ball (unerwartetes Zuspiel),
  • die Position der Hand (Das Berühren des Balls an sich ist noch kein Vergehen.),
  • das Berühren des Balls durch einen Gegenstand in der Hand des Spielers (Kleidung, Schienbeinschoner usw.), was ein Vergehen darstellt,
  • das Treffen des Balls durch einen geworfenen Gegenstand (Schuh, Schienbeinschoner usw.), was ein Vergehen darstellt.

Das Problem

Ihr kennt es ganz sicher auch, wenn in einem Spiel ein Handspiel auftritt. Plötzlich mutmaßen Kommentatoren über Absicht oder nicht und wollen ganz genau wissen, was der Schiedsrichter in einem Bruchteil einer Sekunde gedacht haben will. So ein Unfug!

Wie leicht zu erkennen ist, ist die Handspielregel sehr schwammig. Ob ein absichtliches Handspiel besteht oder nicht, beruht komplett auf der subjektiven Beurteilung des Schiedsrichters. Der Unparteiische hat also die Möglichkeit, nach eigenem Gutdünken zu entscheiden und damit auch das Spiel zu lenken. Das ist schlecht, denn die Absicht ist doch der Wille eines Spielers, etwas zu tun. Und dieser Wille ist nicht öffentlich, es sei denn der Spieler äußert diese Absicht, was im Fußball bei Handspielen eher selten der Fall ist. Oder habt ihr schon mal einen Spieler vor seinem Handspiel rufen hören “Ich will diesen Ball mit der Hand stoppen…”. Wie soll ein Schiedsrichter denn in der Lage sein, festzustellen, ob ein Spieler mit Absicht Hand spielte oder eben nicht? Nicht nur Schiedsrichter können das nicht beurteilen, sondern niemand.

Sicherlich können Annahmen über die Intention des Spielers getroffen werden, aber selbst diese sind nur subjektive Einschätzungen. Es gibt keine Möglichkeit mit einer hunderprozentigen Sicherheit eine Absicht festzustellen. Um diese Problem abzuschwächen, wurden die genannten Auslegungen von der FIFA aufgestellt. Aber selbst diese Auslegungen, wie “Entfernung zwischen Gegner und Ball” oder “die Position der Hand” sind keine harten Fakten, an denen man Messen kann, ob ein absichtliches Handspiel vorliegt oder nicht.

Konsequenz

Das ärgerliche ist doch, dass nach mehr oder weniger entscheidenen Handspielszenen alle am diskutieren sind. Jeder will es genauer und besser wissen, der andere hat immer Unrecht. Man fühlt sich benachteiligt und ungleich behandelt, wie Hannover im gestrigen Spiel.

Ich wage zu behaupten, dass das Handspiel beim Fußball die Regelwidrigkeit ist, bei der die Schiedsrichter am häufigsten daneben liegen. Der Grund ist ganz einfach: Bekommt ein Spieler den Ball an die Hand oder an den Arm, müssten im Kopf des Schiedsrichters viele Fragen rumgeistern: War es Absicht? War es keine Absicht? Ging die Hand zum Ball? Stand er weit genug weg? War es fahrlässig, den Arm dort zu haben? War der Arm angelegt? Wurde er angeschossen? Letztendlich wird aber sofort, also ohne Verzögerung, das Handspiel geahndet, oder auch nicht. Der Unparteiische kann also nur intuitiv entscheiden. Da kommen die Sippels und Wagners schonmal ins Schwitzen. Für meine Behauptung habe ich zwar keine Quelle, aber man könnte aufgrund der oben genannten Fakten die Fehlentscheidungen eh nicht messen.

Das muss jedoch nicht so sein, wenn wir eine Handspielregel hätten, die klar und deutlich und vor allem objektiv aussagt, wann ein Handspiel als eine Regelwidrigkeit vorliegt. Dann gibt es keine Auslegung mehr, denn dann heißt es Hand ja oder nein, und nicht vielleicht oder unabsichtlich oder fahrlässig. Und dann würden, in Sachen Handspiel, auch endlich alle gleich behandelt werden. Nehmen wir an die Regel würde ganz simpel heißen: “Handspiel liegt vor, wenn der Ball durch Einsatz von Hand oder Arm in Geschwindigkeit oder Richtung beeinflusst wird”, so hätte es meiner Meinung nach gestern einen Elfmeter geben müssen. (Meine Formulierung ist ganz sicher nicht ausgereift und sattelfest, was die Beurteilung von unterschiedlichen Szenen angeht. Womöglich hab ich etwas wichtiges vergessen. Es geht jedoch um einen simplen Entwurf eine objektiven Regel.)

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newskick.de
11.08.08 um 17:42
Absicht?! : Königsblog
11.08.08 um 22:28

{ 8 comments }

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Markus L. 11.08.08 at 12:54

Das Problem liegt darin, dass es durchaus Szenen gibt, in denen eindeutig (!) kein absichtliches Handspiel vorliegt. Wenn sich im Strafraum zufällig die Hand gerade unglücklicherweise an der falschen Stelle befindet und es deswegen Elfmeter gibt, dann ist das nicht nur ungerecht, sondern führt zwangsläufig zu neuen Diskussionen.
Ich persönlich bin für einen eingeschränkten Videobeweis. In spielentscheidenden Situationen (Elfmeter ja/nein, Abseits vor Tor ja/nein, rote Karte ja/nein) für eine Kontrolle per TV-Wiederholung. Da in solchen Situationen die Partie so oder so unterbrochen ist, könnte der vierte Mann oder ein Unparteiischer hinter den Kulissen die Szene nochmals anschauen und den Schiri per Funk unterstützen. Dieser Videobeweis würde sich aber wirklich auf die drei o.g. Situationen beschränken, ein Foul im Mittelkreis zählt hier sicher nicht dazu. Am Bildschirm kann man die im Regelwerk festgehaltenen Kriterien zum Handspiel leicht (und in kurzer Zeit) überprüfen… ;)

2

Markus 11.08.08 at 17:36

Ich sehe das, wie im Beitrag erwähnt, jedoch anders. Wenn, wie du sagst, eindeutig kein absichtliches Handspiel vorliegt, aber es dann z.B. einen Elfmeter gibt, dann ist das aber in sofern gerecht, als dass wenigstens alle Mannschaften gleich behandelt werden. Denn dann wäre für alle klar: Hand = Freistoß/Elfmeter. Wenn ein Abwehrspieler ins Straucheln gerät und beim Fallen versehentlich den Gegner mit Ball umreißt, dann ist das doch auch ein Foul, egal ob der Abwehrspieler das nun wollte oder nicht. Letztendlich gibt es dort eindeutige Regeln und keine Auslegung. Denn wie gehabt, wie will man denn die innere Absicht eines Spielers feststellen? Das ist nur an seinen Bewegungen niemals zu beweisen.

Der Videobeweis ist ein anderes Thema, aber würde natürlich sowohl bei der alten als auch bei einer möglichen neuen Handspiel-Regelung weiterhelfen. :-)

3

Herr Wieland 11.08.08 at 19:52

Jede Handspielregel, die ohne die Unterstellung von Absicht auskommt, würde nach sich ziehen, dass es technisch versierte Spieler darauf anlegen, den Ball im gegnerischen Strafraum einem verteidigendem Spieler an den Arm zu schießen. Dies ließe sich nur dadurch verhindern, dass der Schiri entscheiden muss, ob solch ein Anschießen absichtlich geschieht, oder nicht.

Deshalb würde ich die „Absichtlichkeitsentscheidung“ direkt beim Handspiel belassen …

4

Stefan (Weltsicht Südtribüne) 11.09.08 at 18:55

Da hatte ich jetzt den gleichen Gedanken wie Herr Wieland: Die Absicht beim Handspiel zu streichen würde dem Gegenspieler die Möglichkeit einräumen, durch Anschießen der Hand einen Elfmeter zu erzwingen.

Es sei denn natürlich, er würde das absichtlich tun. Dann könnte man ihn verwarnen. Wenn man es denn sieht. Die Absicht hat schon seinen Sinn in dem Passus.
Ansonsten diskutieren wir das Handspiel von Freitag auch gerade fleißig bei mir.

http://suedtribuene.twoday.net/stories/5308655/

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Robert 11.17.08 at 18:58

Das Problem wird auch dadurch verstärkt, dass der Elfmeter eine so harte Strafe ist. Man vergleiche mal, wie oft ein Handspiel innerhalb bzw. außerhalb des 16ers als “absichtlich” gewertet wird.

Hier würde ich gerne eine Anpassung sehen. Absichtliches Handspiel, das eine klare Torchance verhindert, führt wie bisher zum direkten Freistoß, im 16er also zum Elfmeter. Zusätzlich besteht aber die Möglichkeit, einen indirekten Freistoß (auch im 16er) zu geben, wenn der Sachverhalt nicht so klar ist. Wenn also z.B. ein Spieler im 16er den Ball an den nicht angelegten Arm bekommt, ohne eine Torwartparade hinzulegen.

Genauso sähe ich gerne indirekte Freistöße für das übliche Geschubse und Gerangel im Strafraum, das bei jeder Standardsituation stattfindet. Elfmeter wird hier auch nur in ganz klaren Situationen gepfiffen, Stürmerfoul viel leichter.

6

zdribac 04.23.09 at 23:30

90% der gepfiffenen handspiele sind fehlentscheidungen! leider raffen das die deutschen reporter nicht. die kommen dann mit “natürliche haltung” und so einem blödsinn. wenn ich zu einem kopfballduell hochsteige, dann IST es natürlich, dass die arme oben sind.
eigentlich dürfte es in der bundesliga amx. 2-3 handelfmeter pro saison geben. wer spielt schon ABSICHTLICH im eigenen strafraum mit der hand?

7

Roman 05.15.10 at 23:41

Toller Artikel!!!

Ich halte die Handregel ebenfalls für sehr schwammig. Das zeigt auch, dass selbst Fußballkommentatoren eher danach bewerten, ob eine Chance verhindert wird oder nicht.
DFB Pokalfinale heute:
Nach jetziger Regel ist das Handspiel von Mertesacker keines gewesen, da die Distanz zwischen Hand und Gegner viel zu gering war. Im Interview danach sagte er selbst, er hätte gar nicht reagieren können. Dabei ist unererheblich, wie weit seine Hand von seinen Körper entfernt ist.
Trotzdem wurde von allen Kommentatoren von einem klaren Elfmeter gesprochen. Bei aktueller Regelung bin ich ganz anderer Meinung.
Sport braucht klare Regeln: Hand ist Hand. Absicht oder nicht sollte keine Rolle spielen. Die Gründe sind oben gut beschrieben.
Passives Abseits aufheben. Unklar und schwierig für Schiri und Abwehrspieler. Wann wird ein Spieler aktiv oder bleibt passiv ist nicht immer klar. Oft laufen Spieler erst Richtung Ball und agieren zeitverzögert passiv. Ein Abwehrspieler kann so schlecht reagieren.

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pokerspieler 12.15.10 at 16:00

solange die abseitsregel nicht abgeschafft wird, brauchen wir uns über andere reformen gar nicht unterhalten!!!

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